Dragon Chronicles II


 

Er wusste schon beim Aufstehen, dass es kein guter Tag werden würde. Der Himmel vor seinem Fenster war wolkenverhangen und er spürte den Regen, bevor die ersten Tropfen gegen die Scheibe klatschten.

Eigentlich hatte er schon seit zwei Wochen keinen guten Tag mehr gehabt. Genauer gesagt, seit sein Vater Marco ihm gestanden hatte, nicht sein leiblicher Vater zu sein; seit George ihm verraten hatte, dass er in Wahrheit ein reinrassiger Drache war und sogar eine Zwillingsschwester hatte. Noch hatte er nicht entschieden, welcher Verrat tiefer schmerzte.

Nicht dass es ihn störte, mit Raven verwandt zu sein, im Gegenteil. Er kannte sie zwar erst seit ein paar Wochen; seit sie selber erfahren hatte, dass sie ein Wesen war, aber er hatte sie schnell ins Herz geschlossen und vertraute ihr vollkommen. Auch dass er nun doch in der Lage war, sich in einen Drachen verwandeln zu können, war eher Erleichterung; aber zu erfahren, dass sein wahrer Vater ein Mörder war, das war bei weitem nicht mehr so einfach zu verdauen.

Eine dumpfe Explosion riss ihn aus seinen Grübeleien, gerade als er auf dem Weg zum Labor seines Vaters war. Alarmiert sah er sich um, entdeckte aber nirgends eine Gefahr, weshalb er seinen Weg fortsetzte.

Er brauchte nicht zu klopfen, die Tür zu Marco's Unterrichtsraum stand wie üblich offen. Er sah sofort auf, als er Zane in der Tür stehen sah.

Beide hatten in letzter Zeit kaum miteinander geredet und waren um einander herum geschlichen, wie die Löwen um die Beute. Aber Zane hatte genug davon.

Sein Vater wirkte dünner und blasser; müde. Er wusste, dass er selber daran Schuld war.

Marco sah ihn unsicher an. Mit einem leisen Seufzen schloss Zane die Tür hinter sich und ging zum Schreibtisch, im gleichen Moment, in dem sich Marco erhob. Es gab keine Tränen oder rührseligen Worte. Die feste Umarmung, in die der Magier seinen Sohn zog, sagte alles. Zane spürte, wie sein Vater ihm mehrmals auf den Rücken klopfte, aber er war noch nicht bereit, ihn loszulassen.

Ah, Zane, mein Junge, diese ganze Sache“, begann Marco leise, aber Zane unterbrach ihn.

Ich will nicht mehr darüber reden.“

Und er meinte es auch so. Er hätte nicht gedacht, dass er Marco einfach verzeihen könnte, aber es fühlte sich gut an.

Draußen ertönte erneut eine Explosion, die dieses Mal sogar die filigranen Phiolen in den Regalen zittern ließ. Ein weiterer Knall folgte und panische Rufe erklangen. Augenblicklich sprinteten beide in die große Halle, aus der bereits die ersten Schreie kamen.

Was ist los?“

Zane war sofort im Wächtermodus, obwohl er offiziell noch gar keiner war. Chris und Martha kamen aus der Küche gerannt. Vor ihnen standen die beiden jugendlichen Werwölfe Kate und Tom. Das Mädchen war in Tränen aufgelöst und ihr Freund wirkte ebenso geschockt wie sie.

Kate? Sag mir was passiert ist!“

Evangeline ist da draußen ….“

Zane hatte Mühe sie zu verstehen; ihre Stimme klang heiser. Erst jetzt fielen ihm die Rußflecken in ihrem und Toms Gesicht auf. George erschien auf der breiten Treppe.

Er war blass, aber an seiner Kompetenz gab es nicht den geringsten Zweifel.

Ich habe Elion zurück beordert. Die Akademie wird angegriffen“, erklärte er ruhig und Zane brauchte gar nicht erst zu fragen, von wem. Es gab nur einen, der so verrückt war, das heiligste aller Gesetze gleich zweimal zu brechen und eine Akademie angriff: Taranis. Sein leiblicher Vater.

Eine Schockwelle riss alle Anwesenden von den Füßen. Glas splitterte und schwarzer Rauch erfüllte augenblicklich die Halle. Die Hitze unsichtbarer Flammen tänzelte über Zanes Haut.

Die Köchin kam aufgeregt aus der Küche gerannt.

Martha, du gehst runter zu Tiberius in den Schutzraum. Zane, du suchst die anderen Schüler und bringst sie ebenfalls in die Schutzräume. Marco, Chris, ihr kommt mit mir!“ George gab kurz und knapp seine Befehle und niemand zögerte.

Die Explosionen kamen nun in immer kürzer werdenden Abständen und weitere Erschütterungen ließen die gesamte Umgebung erzittern. Bilder und Spiegel fielen scheppernd von den Wänden und zerbrachen.

Zane wollte seinen Vater nicht nach draußen gehen lassen, wusste aber, dass er keine andere Wahl hatte. Gemeinsam mit den beiden Werwölfen suchte er nach den anderen Schülern.

Die drei Vampire hatten sich in einem der oberen Unterrichtsräume verbarrikadiert. Er war größtenteils unversehrt und es gelangte nur wenig Rauch hinein; im Gegensatz zu den Fluren und anderen Räumen, durch die sich der Nebel bedrohlich vorarbeitete. Zwei der drei Fenster waren zerbrochen, aber die Vampire hatten die Scherben beiseite gefegt, so dass sich niemand daran verletzen konnte.

Zane scheuchte die Werwölfe hinein und verschaffte sich einen Überblick. Der Dhampir fehlte.

Wo ist Jackson?“

Kate fing augenblicklich an zu weinen und Tom hatte Mühe sie zu beruhigen.

Kate, wo ist Jackson?“

Er … sie … Evangeline.“ Sie musste mehrmals Luft holen, aber mehr Informationen erhielt er dadurch trotzdem nicht.

Evangeline und er haben draußen trainiert“, sagte Lucy dann leise. Sie war blass und zittrig. Die Sorge um ihren engsten Freund stand ihr ins Gesicht geschrieben.

Zane nickte schwach. Wenn Jackson draußen war, dann hatte er Unterstützung und fiel somit nicht in sein Aufgabengebiet. Er verdrängte den Gedanken an ihn und die anderen Wächter. Er hatte dringendere Sorgen.

In der großen Halle hatte sich das Feuer ausgebreitet, dass sich ihnen bedrohlich näherte. Es versperrte ihnen den Rückweg zum Fahrstuhl und dem verborgenen Treppenhaus und somit zu den Schutzräumen im Untergeschoss der Akademie. Die Schüler in die untere Etage zu bringen, war also nicht mehr möglich. Er schloss die Tür und wies die Mädchen an, in die Ecke des Raumes zurückzuweichen, aber unten zu bleiben. Dann riss er die Vorhänge aus ihren Verankerungen.

Hilf mir sie nass zu machen“, sagte er zu Tom, der seinen Plan aber bereits ohne Aufforderung verstanden hatte und sofort an seiner Seite war. Gemeinsam befeuchteten sie den Stoff am Waschbecken und dichteten dann die Tür so gut es ging ab. Sie rissen die Reste in kleinere Fetzen, um sie sich vors Gesicht halten zu können.

Die Hitze die aus dem Flur und den angrenzenden Zimmern drang, machte ihm selbst nur sehr wenig aus; auch der beißende Rauch belastete ihn nicht. Dafür aber die Schüler. Er merkte es daran, wie sie vereinzelt husteten und sich aus dem Fenster lehnen wollten, obwohl Zane ihnen mehrmals befahl, unten zu bleiben.

Er hatte etwa sechs Drachen gezählt, die in kleinen Kreisen die Akademie umflogen und dabei unaufhörlich Feuer spien. Sie hatten ihre kleine Gruppe noch nicht entdeckt und Zane wollte, dass es so blieb.

Fieberhaft ging er seine Optionen durch, für den Fall, dass sie nicht länger hierbleiben konnten. Aus dieser Höhe zu springen würde wahrscheinlich für keinen von ihnen tödlich enden, aber es würde definitiv Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Sie würden es aller Wahrscheinlichkeit auch nicht zu den schützenden Bäumen schaffen, bevor die Drachen sie sahen. Doch solange wie das Feuer direkt vor ihrer Tür wütete, war das seine einzige Option. Er hoffte, es würde nicht so weit kommen. In der Zwischenzeit redete er den Schülern gut zu, hauptsächlich, um sie von den Schreien und Schrecken außerhalb der Mauern abzulenken.

 

Er wusste nicht mehr, wie viel Zeit vergangen war. Irgendwann waren die Schreie verstummt; die Schatten vor den Fenstern verschwunden. Und die Welt wie er sie kannte nur noch ein Trümmerhaufen.