Dragon Chronicles Band I


 18 Jahre früher

 

 

Ihre Mutter hatte gesagt, dass es lediglich 'alte Freunde' waren, die sie nachts besuchen kamen. Warum sie immer nachts kamen, wusste Raven nicht und sie hatte irgendwann auch aufgehört zu fragen.

Jedes Mal musste sie sich verstecken und durfte erst wieder heraus kommen, wenn ihre Mutter sie holen kam.

Manchmal hörte sie laute Stimmen. Dinge die kaputt gingen und Geräusche, die wie das Knurren eines wütenden Tieres klangen. Manchmal blieb alles still. Aber jedes Mal zogen sie noch in derselben Nacht weg, ohne, dass Raven erfuhr, was dieses Mal der Grund gewesen war, oder wohin es ging.

Gerade an diesem einem Morgen war eine alte Frau an ihrer Tür erschienen. Raven hatte sie kurz gesehen, bevor sie sich wieder verstecken musste.

Dieses Mal blieb alles ruhig.

Raven hoffte, dass sie vielleicht doch länger in dieser Stadt bleiben konnten. Denn manchmal, wenn die Unterhaltung mit den 'alten Freunden' leise blieb, zogen Raven und ihre Mutter erst später weg. Aber als sie aus ihrem Versteck unter einer losen Bodendiele wieder hervorkommen durfte, packte ihre Mutter schon die wenigen Sachen zusammen.

Wütend ging sie in den Garten, ohne ein Wort zu sagen. Sie setzte sich in den alten Reifen, der an einem Ast der alten Eiche befestigt war, und schaukelte. Sie waren doch erst vor wenigen Wochen hierher gezogen. Das Mädchen, das nebenan wohnte, mochte Raven. Ihre Mutter hatte ihr sogar erlaubt, mit dem Mädchen zu spielen.

Sie hörte, wie in der Küche ein Glas zu Bruch ging, aber sie machte sich nicht die Mühe hineinzugehen. Ein Glas weniger, dass ihre Mutter zusammen packen musste. Dann hielt sie in der Bewegung inne. Ihre Mutter packte nie Gläser oder Geschirr ein, wenn sie umzogen.

Sie hielt ganz still und lauschte.

Der laue Sommerwind, der noch bis vor einigen Sekunden die Blätter zum Rascheln gebracht hatte, war verstummt. Erst jetzt fiel ihr auf, dass auch die Vögel ruhig waren. Sie kannte die Zeichen, auf die sie achten sollte. Ihre Mutter hatte es ihr beigebracht. Die Nummer, die sie in so einem Moment anrufen sollte, kannte sie auswendig. Hatte sie immer und immer wieder aufsagen müssen.

Sie wusste, dass sie sofort weglaufen sollte, wenn etwas nicht stimmte. So wie jetzt. Aber sie floh nicht.

Stattdessen hüpfte sie leise von der Schaukel und schlich zur hinteren Häuserwand. Sie hatte vorgehabt durch das Fenster in die Küche zu spähen, aber die Tür, die von dort in den Garten führte, flog mit einem lauten Knall auf, gerade als sie sich an die Hauswand gedrückt hatte. Sie duckte sich instinktiv in die dichten Büsche und verhielt sich so ruhig sie konnte.

Ein großer Mann, ein Riese, trat in den Garten und sah sich aufmerksam um.

Jetzt wo die Tür offen war, hörte sie das leise Schluchzen ihrer Mutter.

Das war der Moment, vor dem ihre Mutter sie gewarnt hatte. Das war der Mann, der sie nicht finden sollte. Raven wusste: Sie musste hier weg! Jemanden finden. Jemanden anrufen. Genau. Die Nummer!

Aber sie konnte sich nicht rühren. Nicht nur, weil sie den Mann dann auf sich aufmerksam gemacht hätte, sondern auch, weil sie Angst hatte. Richtige Angst.

Sie konnte sich nicht bewegen.

Der Riese drehte sich einmal um sich selbst. Sie erkannte helle, blonde Haare aus ihrem Versteck. Seine Augen glühten fast, als er grinsend den Garten absuchte. Nach ihr, erkannte sie mit Schrecken. Sie musste ein Geräusch gemacht haben, denn der Mann richtete seinen goldenen Blick direkt auf sie.

Da bist du ja.“ Seine Stimme war dunkel und sein Grinsen jagte ihr eine Gänsehaut über die Arme. Als er die Hände nach ihr ausstreckte, wehrte sie sich nicht, obwohl sie gelernt hatte, wie sie sich in so einer Situation zu verhalten hatte. Aber sie war wie gelähmt.

NEIN! Tu das nicht! Bitte, lass sie gehen! Du willst sie doch gar nicht!“

Das panische Kreischen ihrer Mutter wurde von einem dumpfen Knall unterbrochen. Der Griff des Riesen wurde fester und spitze Krallen bohrten sich in ihren Oberarm. Er zerrte sie grob zurück in die Küche.

Ihre Mutter lag rücklings auf dem Boden. Zwei Männer hielten sie fest; einer hatte ein Messer gegen ihre Kehle gedrückt, der andere hielt ihre Arme in einem komisch aussehenden Winkel nach hinten gestreckt. Aus ihrer Unterlippe tropfte Blut und ein Auge war zugeschwollen.

Sobald sie ihre Tochter sah, wehrte sie sich gegen die Männer, aber der Größere drückte das Messer nur tiefer in ihr Fleisch. Mit einer schnellen Bewegung brachte der Andere sie in eine sitzende Position. Ein spitzer Schrei kam aus ihrer Kehle, als ihr rechter Arm nur noch nutzlos an ihrer Seite hing. Sie stemmte sich dennoch weiter gegen die Männer, ungeachtet der blutigen Konsequenzen.

Der Riese, der Raven festhielt, lachte laut und schüttelte sie heftig, dass ihre Zähne aufeinander schlugen. Sie biss sich auf die Zunge und schmeckte Blut.

Dachtest du wirklich, ich würde dich anrühren?“

Er sah zu ihrer Mutter. „Noch lange nicht, meine Liebste. Du weißt, es gibt schlimmere Wege, jemanden zu bestrafen, als ihn nur zu schlagen.“

Dann fiel sein harter Blick auf Raven, weil sich in seinem festen Griff wand. Eine Faust traf sie in den Magen. Sie wollte sich zusammen krümmen, doch die Krallen in ihrem Oberarm hielten sie aufrecht. Der Schmerz nahm ihr für einen Moment die Luft zum Atmen. Tränen brannten in ihren Augen, die sie tapfer weg blinzelte.

Bitte verschone sie!“

Eiskaltes Lachen antwortete den Worten ihrer Mutter, bevor die Faust ein weiteres Mal in Ravens Magen krachte. Dann warf er das Kind mit dem Kopf gegen die gläserne Küchentür. Das Glas barst. Schnitt Raven ins Gesicht und den Hals. Ihr wurde schwarz vor Augen, aber noch klammerte sie sich an ihr Bewusstsein.

Lass sie gehen“, flehte ihre Mutter mit krächzender Stimme. Das Messer des Mannes hatte sich tiefer in ihre Kehle gebohrt und behinderte sie beim Sprechen. Der Riese hielt Raven mit einem Arm weiterhin gegen das zerbrochene Glasfenster der Tür gepresst, während er sie wieder und wieder in die Seite boxte. Raven glaubte, etwas brechen zu spüren. Ihr nächster Atemzug klang selbst in ihren Ohren falsch. So flach und röchelnd. Und so schmerzvoll.

Sie ist doch auch dein Kind!“

Doch die Worte ihrer Mutter drangen längst nicht mehr zu ihr durch. Jeder weitere Atemzug war eine Qual. Ihre Lungen brannten und stachen. Ihr Kopf schmerzte fürchterlich und ihr war übel.

Sie war nie mein Kind!“

Erneut schlug der Mann zu. Womit hatte sie das verdient? Warum half ihr denn niemand?

Du hast sie mir genommen, bevor ich die Gelegenheit dazu hatte, ein Vater zu sein.“

Ein weiter Treffer in ihre Seite. Dieselbe Stelle. Dieselben Schmerzen. Derselbe röchelnde Atemzug.

Bitte, lass sie gehen.“

Sie hörte ihre Mutter kaum noch. Ein dumpfes Summen hatte sich in ihrem Kopf ausgebreitet. Die Worte ihrer Mutter verschwammen mit dem Lachen des Riesen. Als sich die Dunkelheit ihrer bemächtigen wollte, warf er sie achtlos zur Seite. Sie prallte mit dem Kopf gegen die Kante des Tisches, der über ihr zusammenbrach.

In den Trümmern des Tisches und der Glasscherben blieb sie regungslos liegen.