Dragon Chronicles III


1994, Skandinavien


     Er fuhr Chris nie nach Hause. Nicht wirklich jedenfalls. Der dunkle Mercedes hielt immer ein paar Straßenecken entfernt, aber Chris hatte sich nie darüber beschwert; hatte es auch nie anders gewollt. Schließlich war auch Nathan in der kleinen Stadt bekannt und niemand durfte von ihrem Verhältnis wissen.
     Der Wagen hielt wie üblich an der gleichen Ecke, aber dieses Mal fiel der Abschied kühl aus, fast schon kalt. Chris drehte sich zu seinem Freund um, wollte nachfragen, aber der Wagen fuhr einfach los. Er sah nur noch die Rücklichter und schüttelte mutlos den Kopf. Nathan war den ganzen Abend, ach was, die letzten Tage schon so merkwürdig gewesen und Chris beschlich das dunkle Gefühl, dass ihre Beziehung nicht mehr lange halten würde.
     In Gedanken versunken setzte er den Weg zu seinem Elternhaus fort.
     Es war unwahrscheinlich, dass seine Familie schon schlief; schließlich gab es heute eine Versammlung der Sippe, deshalb hatte er sich ja aus dem Haus geschlichen. Die männlichen Wandler kamen in dieser Nacht alle beim Oberhaupt der Gemeinschaft zusammen: seinem Vater.
     Im Gegensatz zu ihrem rein animalischen Äquivalent waren Bärenwandler keine Einzelgänger, sondern lebten in größeren Gemeinschaften, die von dem stärksten Wandler angeführt und dominiert wurden. Weibliche Wandler hingegen blieben nur während der Paarung in der Sippe und zogen dann die Kinder die ersten zwei Jahre allein auf. Sie kehrten nur zurück, um ihre Kinder den Vätern zu übereignen und sich eventuell neu zu paaren. Ansonsten führten sie ein Leben in Isolation und Ignoranz.
     Chris hatte seine Mutter seit 11 Jahren nicht mehr gesehen; seit sie seine jüngste Schwester, Sofia, abgegeben hatte. Allein war er deshalb aber noch lange nicht. Er hatte insgesamt sieben weitere Geschwister, davon zwei jüngere Schwestern.
     Meistens blieb Chris diesen Versammlungen fern, obwohl er alt genug war, um ebenfalls teilzunehmen. Aber er hatte kein Verständnis für diese Treffen. Es wurde stets das gleiche besprochen: welches Mädchen jetzt in dem Alter war, um sich zu paaren – wessen Tochter war alt genug, nicht länger Teil der Gemeinschaft zu sein. So etwas wollte Chris weder hören, noch besprechen. Nicht, wenn eine seiner beiden Schwestern, Beth, in diesem Jahr ebenfalls zur Diskussion stehen würde. Sie war doch erst 16! Seinen Brüdern konnte das egal sein. Sie hatten alle ihren Platz sicher, egal in welcher Gemeinschaft sie leben würden. Seine Schwestern hatten dieses Recht nicht. Und Chris verabscheute das mit jeder Faser seines Ichs.
     Wie er vermutet hatte, brannten die Lichter in dem großen Haus am Ende der Straße noch hell; mehrere Autos säumten die verschneite Straße zu beiden Seiten.
     Er betrat den sorgsam gepflegten Vorgarten und spürte sofort, dass etwas nicht stimmte. Normalerweise begleitete Gläserklirren und lautes Gelächter solche Veranstaltungen, aber es war gespenstig ruhig. Leise öffnete er die Tür und blieb erschrocken stehen.
     Vor ihm standen sämtliche männlichen Mitglieder der Sippe, ungeachtet ihres Alters oder Ranges. In der vordersten Reihe stand seine eigene Familie und keiner von ihnen machte Anstalten, ihn zu begrüßen.
     „Vater? Ist was passiert? Geht es um die Mädchen?“
     Sein Vater antwortete nicht.
     Okay, Chris hatte sich raus geschlichen, mal wieder, aber das war sicherlich kein Grund, ihn so hasserfüllt anzustarren! Oder? Hatte er noch etwas anderes angestellt? Er überlegte und wich vorsorglich einen Schritt zurück, wieder auf die Stufen der Veranda, als ihn ein fürchterlicher Verdacht beschlich. Paranoia war noch nie sein Ding gewesen, aber erst Nathans Verhalten die letzten Tage und jetzt das?
       „Was ist passiert, Vater?“ Seine Stimme zitterte, auch wenn er versuchte, seine Angst nicht zu zeigen.      Zwecklos bei einer Meute Bärenwandler, die jede seiner Gefühlsregungen riechen konnten.
      Sein Vater schüttelte angewidert den Kopf.
     „Du hast kein Recht mehr, mich so zu nennen, Christopher“, sagte er kalt und trat einen Schritt nach vorne. In diesem Moment bewahrheitete sich Chris' schlimmste Ahnung. Seine Familie wusste Bescheid.  

      Er schluckte schwer.
      „Woher …?“
      Er war nicht in der Lage, die Frage auszusprechen. Sein Onkel trat vor, as sein Vater nicht antwortete.
      „Ein junger Mann kam vorbei und meinte, du hättest ihm gegenüber eindeutige Gelüste geäußert. Der arme Nathan war vollkommen aufgelöst!“
      „Na – Nathan?“ Chris wich noch weiter zurück, aber die Wandler rückten weiter bedrohlich vorwärts.
     „Das ist ein Missverständnis“, meinte Chris hilflos, als sich die Masse vor ihm teilte, um Platz für Nathan zu machen.
      „Kein Missverständnis.“

     Nathan schüttelte den Kopf und blickte ihn kalt an. Noch nie hatte er so einen Blick bei ihm gesehen.
     „Es war widerlich, wie du mich angemacht und angefasst hast.“ Nathan schüttelte sich und Chris verstand die Welt nicht mehr. Ihm fehlten die Worte, aber mal ehrlich, was hätte er auch sagen sollen?
     Dann knurrte sein Vater und seine Familie stimmte mit ein, gefolgt von jedem einzelnen anwesenden Wandler. Wie eine geschlossene Front traten sie vor, verschluckten Nathan in der Masse.
     Chris setzte sich endlich in Bewegung und rannte.

     Er hörte das Knurren seiner Familie, seiner Brüder und seiner Freunde, während sie ihn durch den dunklen Wald jagten. Er konnte ihre Abneigung und den Hass förmlich spüren und wusste, dass sie seinen Tod wollten. Wenn sie ihn in ihre Krallen bekämen, wäre er tot.
Abgehetzt lehnte er sich gegen einen Baum, um zu verschnaufen. Wie lange jagten sie ihn jetzt schon? Drei Stunden; vier? Und wie lange hatten sie noch vor, ihn zu jagen?
     Eine kalte Hand legte sich auf seine Schulter und er zuckte zusammen. Bereit sein Leben zu verteidigen, brachte er sich in Position, als er seinen ältesten Bruder erkannte. Er zögerte, nicht aber sein Bruder, der ihm einen harten Fausthieb gegen den Kiefer verpasste, sodass Chris rücklings taumelte.
     „Ich will nicht gegen dich kämpfen, Elay.“
     Abwehrend hob er beide Hände und wehrte auch den nächsten Schlag nicht ab. Er fiel und landete rücklings im Schnee. Elay baute sich bedrohlich vor ihm auf, verwandelte sich. Wie auch sein Eigenes, glänzte das Fell seines Bruders schwarz.
     „Elay, wirklich. Ich meine es ernst. Ich kämpfe nicht gegen dich.“
     Dann biss sein Bruder zu; scharfe Zähne bohrten sich in seinen Knöchel und er hörte Knochen splittern.

    Elay zerrte ihn näher, schüttelte ihn durch. Er hieb mit seiner Pranke nach Chris' Brust, die Krallen zerschnitten die dicke Winterjacke und gruben sich tief in sein Fleisch.
     Chris schrie auf, unterdrückte aber den Drang, sich zu verwandeln. Wieder hieb sein Bruder nach ihm, traf ihn am Kopf und riss ihm einige braune Strähnen aus.
     Kurz wurde ihm schwarz vor Augen. Elay hatte mehr Kraft als er und gerade als ihm dieser Gedanke kam, fiel ihm auf, dass Elay nicht sein volles Potenzial ausschöpfte. Aber dann biss sein Bruder wieder zu; erwischte seine Schulter und hinterließ tiefe Abdrücke. Das warme Blut floss seinen Arm herab und tropfte von seinen Fingerspitzen, als er sich aufsetzte.
     Ihm war schwindelig. Das tiefe Knurren seines Bruders erklang nah an seinem Ohr, als Elay die Schnauze an seiner blutenden Schläfe rieb. Chris konnte das Zittern nicht unterdrücken, aber er konnte auch nichts machen, vielmehr wollte er es nicht.
     Sein Knöchel war vermutlich gebrochen, die Schulter ausgekugelt und er hatte mit Sicherheit eine Gehirnerschütterung, von dem Blutverlust einmal abgesehen.
      „Na los, bring es schon zu Ende, Elay.“
     Dann hörte er die Stimme seines Bruders in seinem Kopf.

    „Lauf.“
    Verwirrt sah er seinen Bruder an, der seine blutverschmierte Schnauze im Schnee rieb und grauenvolle Muster zeichneten.
     „Lauf, Chris!“